Auch etwas zum 13. August

Vor vier Jahren war nicht alles anders, aber es war Gelegenheit für einen Film, der in diesem Jahr nicht in das Gedenkprogramm aufgenommen ist: »Wenn Tote stören – Vom Sterben an der Mauer«. Deshalb folgt hier gleich mein damaliger Bericht für die junge Welt. Wer sich aber zunächst für die Fakten interessiert, der kann in dieser Frage – bis zu einer größeren Änderung ohne Bedenken – an wikipedia verwiesen werden.

Keine einfache Wahrheit
Ein neuer Film über die Grenze in Berlin: »Wenn Tote stören – Vom Sterben an der Mauer«

Der 13.August steht vor der Tür, Zeit also für öffentliche Rückblicke, Kommentare und Bekenntnisse. Am Mittwoch abend zeigt die ARD im ersten Programm ein neues Dokumentarspiel des NDR (Regie: Florian Huber, wissenschaftliche Beratung: Hans-Hermann Hertle). Politisch korrekt fand eine Voraufführung in der Gedenkstätte »Berliner Mauer« an der Bernauer Straße statt.

Der Film beginnt mit der Geschichte von Doris Schmiel. Sie wurde im Februar 1962 bei dem Versuch getötet, die DDR illegal zu verlassen. Ebenso erging es Lutz Schmidt, der fast auf den Tag genau 25 Jahre später zwischen Treptow und Neukölln starb. Seiner Frau und den Kindern erzählten die zuständigen Stellen, er sei bei einem Unfall ums Leben gekommen. Stolz war die DDR auf die Schüsse ihrer Grenzsoldaten nicht. Der Westberliner Dieter Beilig hatte jahrelang, allein und mit immer geringerem Echo, gegen den Schußwaffengebrauch der DDR-Grenztruppen protestiert. Am 2.Oktober 1971 überkletterte er die Sperranlagen am Brandenburger Tor und wurde prompt festgenommen. Bei einem aussichtslosen Fluchtversuch wurde er wenig später nicht gestellt, sondern von völlig überforderten Grenzposten erschossen. Der Autor des Filmes beansprucht, die drei Vorgänge aus offiziellen Unterlagen der DDR und des Westens sowie aus Interviews mit beteiligten Offizieren der Grenztruppen und des MfS präzise rekonstruiert zu haben. Mag sein, das Nachspielen der Vorgänge im Grenzstreifen ist dennoch falsch.

Nur in einzelnen Aussagen von Zeitzeugen und einigen Dokumenten wird die Bedeutung der – wie es damals in den entsprechenden DDR-Papieren hieß – »Maßnahmen zur Einschränkung des Verkehrs aus den Bezirken der DDR nach dem Demokratischen Berlin sowie aus den Bezirken der DDR und dem Demokratischen Berlin nach Westberlin« angedeutet. Es ging 1961 darum, den weiteren Abzug eines merklichen Teils der Bevölkerung des eigenen Staatswesens in den kapitalistischen Westen zu verhindern und so die Grenzen des sozialistischen Lagers zu stabilisieren. Der Eifer berührt merkwürdig, mit dem im Film nachträglich der DDR volle Souveränität über die Ausgestaltung ihres Grenzregimes zugesprochen wird. Immerhin sind sich alle interviewten Politikergrößen einig: Ungeachtet mancher rhetorischer Spitzen stand die Mauer bis in die achtziger Jahre weltpolitisch nicht zur Disposition. Todesfälle an der Grenze waren »Kollateralschäden« in einem Kalten Krieg, der kein heißer werden sollte.

Eine echte Diskussion gab es nach der Voraufführung nicht. Nur mit Mühe ertrugen es manche Anwesende, daß der Hinweis auf getötete DDR-Grenzer vermißt wurde. Sie hätten beim frühen Wolf Biermann genauer hinhören sollen: »Soldat, Soldat, die Welt ist jung. / Soldat, Soldat, so jung wie Du. / Die Welt hat einen tiefen Sprung, / Soldat, am Rand stehst Du.«

Nachbemerkung 2011: Auf youtube muß man sich entscheiden. Entweder eine gute Einspielung des Liedes mit einem scheusterbaren Video, oder ein – ja, historischer, aber eben auch klanglich unzureichender – Mitschnitt vom Biermann Konzert, 1. Dezember 1989 in Leipzig. Ich habe mich für das letztere entschieden. Wer prägnantere Töne haben will, sollte sich die entsprechende CD besorgen. Und noch eine Bemerkung zum Text, weil Westlinke glaubten, uns gegen den Vers darin in Schutz nehmen zu müssen: „Soldaten sehn sich alle gleich/lebendig und als Leich.“ – Nun, wer den Vers kritisiert, der hat sicher keine Uniform der Nationalen Volksarmee der DDR getragen. Wir trugen sehr deutsche Uniformen. Und Biermann hat nicht behauptet, daß Leute, sich gleich sehen, auch das gleiche tun, oder gar tun müßten.

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