Die Kampfgruppen der Arbeiterklasse am 13. August. Eine Legende und ihr Bild

Alte Lügen und aktuelle Analysen zur DDR und dem 13. August 1961. Teil 2

Die Titelseite der jungenWelt vom 13. August 2011 steht in einer langen Tradition. Von Anfang an hatte die DDR mit genau diesem Bild Werbung gemacht: Angehörige der „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ am Brandenburger Tor, nach Westen gewandt, dem Klassenfeind die Stirn bietend: Die Klasse selbst in Waffen. Wenige Fotos paßten besser zu dem Slogan vom „antifaschistischen Schutzwall“, den Horst Sindermann seinerzeit erfunden hatte. Eine Lüge war das nicht. Es hatten Männer der Kampfgruppen nach dem 13. August dort gestanden. Aber es ist wie mit vielen berühmten Bildern: Selbst wenn Zeit und Ort der Aufnahme korrekt angegeben sind, so fehlt doch der Kontext.

Auch wenn Fotos immer so schön authentisch aussehen: Wir sehen mit ihnen nicht die Vergangenheit. Die ist, wie das Wort schon sagt, vergangen. Wir sehen nur etwas, was in der Vergangenheit gemacht worden ist, ein Bild. Und da ist die Frage, wer hatte wann die Gelegenheit und das Interesse, genau dieses Bild zu machen. Und warum wurde später gerade dieses Bild zur Veröffentlichung ausgesucht?

Die Kampfgruppen bildeten nur einen Teil der in Berlin eingesetzten Einheiten. Mit ihnen allein hätte die Grenzschließung schwerlich umgesetzt werden können. Der zusammenfassende Bericht der zuständigen Bezirkseinsatzleitung vom 18. September 1961 hält fest:

Bis 12.00 Uhr (etwa 10 Stunden nach Alarmauslösung) befanden sich durchschnittlich 40 bis 45 % der Kämpfer bewaffnet im Konzentrierungsraum. (Mehls 1990, 125)

Und der Bericht mußte auch – in etwas verquerem Deutsch – anmerken, daß nicht nur schlechte Pläne und objektive Umstände zur der langsamen Mobilisierung der Kampfgruppen beitrugen:

Obwohl Presse und Rundfunk laufend die Maßnahmen der Regierung bekanntgaben, ist es eine ernste Erscheinung, daß sich ein nicht unbeträchtlicher Teil der Kämpfer (ca. 15 %) nicht oder erst sehr spät bei ihren Einheiten meldeten. (Mehls 1990, 126)

Das Rückgrat der Grenzschließung waren nicht die Kampfgruppen. Ihre eingesetzten 4500 „Kämpfer“ standen neben 5000 Grenz- und nochmals 5000 Volkspolizisten sowie etwa 7300 Mann der NVA. (Uhl 2008, 139) Direkt an der Grenze wurden vor allem zwei neue, erst mit Befehl des Nationalen Verteidigungsrates vom 3.Mai 1961 gebildete Einheiten eingesetzt: das Sicherungskommando und die Brigade Berlin der Bereitschaftspolizei (Uhl 2008, 120f). Dennoch ließ es sich die SED-Führung später nicht nehmen, regelmäßig am 13. August die „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“, und nicht etwa Polizeieinheiten zu einem Kampfappell antreten zu lassen: Es paßte besser ins Bild vom Arbeiter- und Bauernstaat. Wer aber da alles als „Arbeiterklasse“ mitgezählt wurde, das macht der Bericht der Bezirkseinsatzleitung hinreichend deutlich. Nach dem Hinweis auf die unzureichende Größe der eingesetzten Einheiten heißt es:

Hinzu kam, daß eine große Anzahl von Kämpfern und Kommandeuren nicht zum Einsatz gelangten bzw. durch ihre Betriebe reklamiert wurden, weil sie dort unentbehrlich waren. Das traf besonders zu bei Ministerien, dem Magistrat, den Räten der Stadtbezirke, den Handels- und Versorgungsbetrieben, den Vorständen des FDGB und anderen. Aus dem I. Bataillon (mot.) wurden während des Einsatzes 2 Hundertschaften (Ministerium für Landwirtschaft, Erfassung und Forstwirtschaft und Ministerium für Volksbildung) herausgelöst. Es war bisher nicht überall klar, daß Angehöriger der Kampfgruppen nur der sein kann, der im Einsatzfall tatsächlich den Dienst in der Kampfgruppe verrichten kann und nicht durch staatliche, wirtschaftliche und andere Aufgaben gebunden ist.
(Mehls 1990, 124)

Mit anderen Worten: Viele der Angehörigen der Kampfgruppen hatten ihre Klasse längst auf dem Weg in den Apparat verlassen. Es war so ähnlich wie in der Partei der Arbeiterklasse selbst: „Das Geheimnis der SED-Statistik bestand darin, daß die Mehrheit der hauptamtlichen Funktionäre, der Militärs u.a. entsprechend ihrer sozialen Herkunft als lebenslange Arbeiter ‚honoris causa‘ eingestuft worden waren.“(Wittich 1996, 184) So bezifferte die SED Ende der 80er Jahre den Arbeiteranteil auf 55 Prozent der Mitgliedschaft. Tatsächlich waren es 43, unter den berufstätigen Mitgliedern 40 Prozent. (Wittich 1996, 176) Dominant war eine andere Gruppe:

Staats- und Wirtschaftsfunktionäre (d.h. entsprechende Angestellte bzw. Akademiker mit Leitungsfunktionen in den entsprechenden Bereichen 8,5 Prozent), hauptamtliche Funktionäre (9,8 Prozent), Militärangehörige (10,9 Prozent). Diese Gruppen machten insgesamt rund 30 Prozent der Mitgliedschaft aus; ihre Bedeutung überstieg jedoch ihre quantitativen Anteil.“(Wittich 1996, 177)

Ist deshalb das Titelbild der jungenWelt eine Lüge? Für sich genommen sicher nicht. Die Lüge besteht darin, daß dieses Bild als repräsentativ, ein Teil für das Ganze ausgegeben wird. Die Bilder, wie in der DDR DDR-Bürger am Zugang zur Grenze gehindert worden sind, fehlen. Dabei stand in den DDR-Einsatzbefehlen zum 13. August sehr klar, worum es ging: um “Massnahmen zur Einschränkung des Verkehrs aus den Bezirken der DDR nach dem Demokratischen Berlin sowie aus den Bezirken der DDR und dem Demokratischen Berlin nach Westberlin“. (Mehls 1990, 12)

Nichts an diesem „aus – nach“ ist unverständlich. Es ging darum, DDR-Bürger am Zugang nach Westberlin zu hindern. Punkt. Wenn es darum gegangen wäre, die militärische Aggression des Klassenfeindes aufzuhalten, hätte man wohl keine Mauer bauen, sondern Schützengräben ausheben müssen: Die Zeiten, in denen Mauern militärisch bedeutend waren, waren 1961 lange vorbei.
Teil 1: Es geht ein Gespenst aus der Mitropa um/es spukt auf dem Friedhof der Träume

Teil 3: Weltpolitik als Ausrede. Ein nicht ganz so neues Buch und seine nicht ganz so neuen Thesen

Teil 4: Das Gleichgewicht des Schreckens, Daniel Ellsberg und die Kriegsplanungen der USA

Literatur:

(Mehls 1990) Hartmut Mehls: Im Schatten der Mauer. Dokumente. 12. August bis 29. September 1961. Berlin 1990

(Uhl 2008) Matthias Uhl: Krieg um Berlin? Die sowjetische Militär- und Sicherheitspolitik in der zweiten Berlin-Krise 1958 bis 1962, München 2008

(Wittich 1996) Dietmar Wittich: Zur Soziologie der Umwandlung der SED in die PDS, in Lothar Bisky/Jochen Czerny/Herbert Mayer/Michael Schumann: Die PDS – Herkunft und Selbstverständnis, Berlin 1996

Advertisements
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Zeitgeschichte abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s